Interview mit einer Sexarbeiterin: „Ich bestimme darüber, was ich mit meiner Sexualität mache”

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Maia Ceres ist Studentin der Sexualwissenschaft, sie ist Mitglied des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD) – und sie ist Sexarbeiterin. 2016 recherchierte sie im Rahmen ihrer Bachelorarbeit zum Prostituiertenschutzgesetz und besuchte den Sexarbeitskongress in Hamburg. Dort hielten zwei Escorts einen Vortrag über ihre Arbeit und Maia fasste den Plan, sich selbst bei einer Agentur zu bewerben. Heute ist sie selbst Escort, buchbar unter dem Namen Lillith in der Agentur Wayfare und unter ihrem Pseudonym Maia via kaufmich.com und bietet Girlfriend-Experience. Was das genau bedeutet, wie schädlich die mediale Darstellung von Sexarbeit in unserer Gesellschaft ist, wie sie mit Ressentiments umgeht und warum sie gerne als Sexarbeiterin tätig ist – darüber spricht Maia im Interview mit O*Diaries.

Wie bist Du dazu gekommen, als Sexarbeiterin zu arbeiten?

Die Frage wird mir oft gestellt. Es gab keinen Punkt in meinem Leben, an dem ich sagte: „Jetzt möchte ich Sexarbeiterin werden.“ Ich hatte schon immer ein großes Interesse an Sexualität. Vor allem daran, was die Menschen dabei bewegt, was ihnen gefällt und warum das so ist. Und so kam auch das Interesse an Sexarbeit. Ich begann, mich zu informieren. Recht schnell wurde mir klar, dass ich mir eigentlich nur vorstellen könnte als Escort zu arbeiten und längere Termine zu machen, wo ich Nähe zu Menschen aufbauen kann Nähe und eine „Girlfriend Experience“ anbieten kann.

Ich recherchierte nach Agenturen. Das war 2012. Doch in den damaligen Agenturen erkannte ich mich und meine Persönlichkeit nicht wieder. Zu der Zeit war es noch üblich, dass viele hochklassige Agenturen Vorgaben zu Größe, Gewicht, Kleidergröße usw. gemacht haben. Das hat sich mittlerweile geändert.

Es gab keinen Punkt in meinem Leben, an dem ich sagte: Jetzt möchte ich Sexarbeiterin werden.

Inwiefern?

Damals waren beispielsweise Tattoos und Piercings oftmals nicht erlaubt. Heute gehen die Agenturen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. So haben hochwertige Agenturen beispielsweise auch Transfrauen im Portfolio. Das war damals einfach noch nicht gängig, als es noch problematisch, wenn man gepierct war.

Und wie kamst Du letztendlich an Deine Agentur?

2016 besuchte ich den Sexarbeitskongress in Hamburg. Da waren zwei Escorts, die einen Vortrag über ihre Arbeit hielten. Ganz normale Frauen, die mit voller Liebe und Begeisterung über ihre Arbeit sprachen – und über die vielen positiven Erfahrungen, die sie dabei erfahren. Es war abseits von all dem, was medial an Klischees über Sexarbeit verbreitet wird. Und ich dachte mir: „Wenn die das können, dann kann ich das auch.“ Also bewarb ich mich bei einer Agentur und wurde sofort genommen. Das ging ganz einfach. Ich trank Tee mit dem Agenturchef und ich wurde nicht abgescannt, ob mein Körper auch den Schönheitsidealen entspricht. Meine Sorgen und Erwartungen, die von meinen damaligen Vorurteilen geprägt waren, erfüllten sich also keineswegs.

Wieso arbeitest du unter dem Namen Lillith?

Lillith ist ein alter Name und hat einen mesopotamischen Hintergrund, kommt aber auch aus der christlichen Mythologie. Lillith war die erste Partnerin von Adam. Sie verließ ihn aber, weil sie zu emanzipiert für ihn war. Ich fand das passend – quasi als sinnliche Antiheldin zur patriarchal unterdrückten Eva. Das finde ich für meine Tätigkeit absolut passend.

Mit welchen Klischees wirst Du immer wieder konfrontiert, welchen Ressentiments bist Du ausgesetzt?

Ich habe das Glück, mich in einem aufgeschlossenen Umfeld zu bewegen. Deswegen begegnen mir im Alltag nur wenig Ressentiments. Klischees oder versteckte Vorurteile aber in jedem Fall: Zum Beispiel wird mir immer wieder die Frage gestellt, wie ich zur Sexarbeit gekommen bin… wie auch in diesem Interview. Das ist keine Frage, die man eine*r Journalist*in stellt, oder eine*n Lehrer*in. Bei der Frage schwingt immer die Annahme mit, dass da eine besonders aufregende, am besten eine Leidensgeschichte dahintersteckt – und dass ich in die Sexarbeit reingerutscht bin, also etwas Negatives der Auslöser war. Dem ist aber nicht so. Es trafen einfach Pragmatismus (Vereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit und Interesse an Flirten und Sexualität aufeinander.

Ressentiments begegne ich wiederum, wenn ich in die Zeitung blicke oder mir irgendwelche Rotlicht-Reportagen ansehe, in denen Sexarbeiterinnen als ‚gefallene Mädchen‘ dargestellt werden. Das Interessante ist ja, dass viele eine Meinung zum Thema Sexarbeit haben, aber die wenigsten sich damit wirklich auskennen. Um da mehr Aufklärungsarbeit zu leisten, schreibe ich darüber auch auf meinem Blog, in dem ich über Vorurteile an der Sexarbeit aufkläre.

Viele Frauen sind eher aufgeschlossen, wenn ich ihnen von meiner Arbeit erzähle und sagen Dinge wie: Ach, das finde ich cool, dass du das machst, voll stark!

Stichwort Feminismus: Gibt es Situationen, in denen Du Dich speziell vor Frauen für Deinen Job rechtfertigen musst?

Da mein persönliches Umfeld tendenziell eher aufgeschlossen und feministisch eingestellt ist, gibt es selten Situationen, in denen ich mich rechtfertigen muss. Ich bin der Meinung, dass sich die dritte Feminismuswelle und Sexarbeit nicht ausschließen. Und weiterhin, dass Feminismus, bzw. feministische Standpunkte natürlich nicht nur Frauen vorbehalten ist. Aber: Viele Frauen sind eher aufgeschlossen, wenn ich ihnen von meiner Arbeit erzähle und sagen Dinge wie: „Ach, das finde ich cool, dass du das machst, voll stark!“

Die „Emma“ schreibt: Prostitution ist das Gegenteil emanzipierter Sexualität auf Augenhöhe. Wie stehst Du dazu?

Ich habe durchaus Respekt dafür, was die zweite Welle des Feminismus für Frauen in unserer Gesellschaft gebracht hat. Ich sehe aber auch, dass diese feministische Haltung in einer konservativeren Zeit stehengeblieben ist. Auch außerhalb von Sexarbeit können sich vor allem junge Frauen heute damit nicht mehr identifizieren. Es ist ein relativ hetero- und mononormatives Weltbild, dass da noch dahintersteht – wo ‚gute‘ Sexualität nur als Akt der romantischen Liebe in festen Partner*innenschaften stattfinden sollte. Das ist sehr bevormundend und die Bevormundung von Frauen ist für mich nicht feministisch.

Als Sexarbeiterin bestimme ich darüber, was ich mit meiner Zeit, meinem Körper und meiner Sexualität mache. Es ist mir freigestellt, ob ich diese drei Faktoren dazu nutzen möchte, um ein Einkommen zu erzielen. Für mich ist das absolut emanzipiert. Mir abzusprechen, dass ich das nicht tun dürfte – das halte ich für das Gegenteil von Feminismus. Ebenso, wenn ich verheiratet und nicht erwerbstätig, sprich: wirtschaftlich abhängig von meinem Mann wäre – und all meine Ressourcen nur meinem Ehemann zustehen würden. Das ist nämlich für mich das komplette Gegenteil von Sexarbeit.

Inwieweit stützt Sexarbeit Deiner Meinung nach das Patriarchat?

Die Frage offenbart, was für ein Bild von Sexarbeit besteht. Denn wenn wir darüber sprechen, wie die Sexarbeit das Patriachat stützt, dann gehen wir davon aus, dass es sich bei Sexarbeit um etwas handelt, was heterosexuelle Frauen für heterosexuelle Männer leisten. Doch das ist nicht der Fall. Sexarbeit ist so divers wie die Gesellschaft auch. Menschen aller möglichen Herkünfte, Klassen, Geschlechter, kultureller Hintergründe, sexueller Orientierungen und Vorlieben bieten Sexarbeit an oder nehmen sie in Anspruch. Deswegen passt dieses „Frau bringt Dienstleistung für Mann“-Bild nicht.

Also stützt Sexarbeit nicht die phallische Kultur?

Genau. Sexarbeit wird nun mal nicht nur für Menschen mit einem Penis geleistet. Gerade im Escortservice geht es nicht nur um die sexuelle Dienstleistung. Es ist ganzheitlicher. Man wird für mehrere Stunden gebucht. Man führt Gespräche, isst gemeinsam, trinkt, flirtet, kuschelt, versteht einander und am Ende gibt es vielleicht auch Sex. Ich biete ein rundes Date an. Nicht nur Sex, sondern viel mehr. Und ich bin ganz sicher nicht sechs Stunden damit beschäftigt den Penis zu huldigen.

Gibt es bestimmte Sorgen oder Ängste, die die Menschen vielleicht haben, die zu Dir kommen?

Das Bedürfnis, das dahintersteht, eine Escort zu buchen, ist in der Regel eins nach Nähe. Und Nähe beinhaltet auch ein vertrauensvolles, wertschätzendes Gespräch führen zu können. Natürlich haben Menschen, die ein Escort oder ein*e Sexarbeiter*in buchen auch sexuelle Wünsche. Es geht aber nicht nur um eine schnelle, unpersönliche Nummer, meist ist ein Anspruch an eine Konversation mit dabei. Das kann natürlich auch beinhalten, dass jemand über Ängste oder Probleme sprechen möchte. Ich biete das Gespräch an. Ich kann aber auch anbieten, von solchen Dingen abzulenken. Auch das ist ein Bedürfnis: Die Auszeit aus dem Alltag.

Das Bedürfnis, das dahintersteht, eine Escort zu buchen, ist in der Regel eins nach Nähe.

Auf der Website des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V (BesD) steht, dass es in der Öffentlichkeit ein realistisches Bild von Sexarbeit braucht. Wie sieht das Deiner Ansicht nach aus? Und was kann man gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiterinnen machen?

Es ist ein Teufelskreis. Denn durch die Bilder von Sexarbeit, die im Umlauf sind, haben alle eine Meinung. Alle glauben zu wissen, wie es angeblich ist. Dabei basiert das Wissen auf Vorurteilen, die man in tendenziösen Rotlichtreportagen, Elendsreporten usw. bekommt – auf der Reeperbahn, mit Netzstrümpfen und mit einem Zuhälter im Nacken. Durch diese negativen Abziehbilder werden Druck und Vorurteile aufgebaut, wodurch Sexarbeiter*innen wenig Lust haben sich zu outen, um das Bild umzukehren. Denn so ein Outing hat immer Konsequenzen zur Folge. Es kann nach wie vor negative Effekte mit sich bringen. Schauen wir doch einmal in die Politik, die nicht wirklich unterstützt. Sondern immer wieder nur Gesetze erlässt, die in erster Linie suggerieren, dass Sexarbeitende vor ihrem Beruf geschützt werden müssen, in zweiter Linie aber Sexarbeit so gut wie möglich einschränken oder reglementieren wollen. Einige Abgeordnete der SPD ein Sexkaufverbot durchsetzen – angelehnt an das schwedische Modell.

Wieso ist das problematisch?

In Schweden werden Menschen kriminalisiert, die Sex-Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Das hat auch einen krassen Effekt auf Sexarbeiter*innen und Sexarbeit im Allgemeinen. Denn: Durch Verbote verschwindet Sexarbeit nicht. Sie wird in Illegalität gedrängt.

Das Sexkaufverbot wurde nun auf dem Berliner Landesparteitag der SPD abgelehnt, in Baden-Württemberg aber befürwortet. Doch zeigt es für mich weiterhin Tendenzen in Bezug auf Sexarbeit auf: Sexarbeiter*innen werden nicht in ihrer gesellschaftlichen und rechtlichen Position gestärkt. Stattdessen wird behauptet, Frauen können und dürfen nicht über ihre Sexualität bestimmen – und sei es, um sie zu verwirtschaftlichen. Stattdessen müssen sie geschützt werden – ob sie wollen, oder nicht. Das wiederum stärkt Sexarbeiter*innen nicht, sich zu outen oder irgendwie dazu beizutragen, Sexarbeit nicht immer nur Menschenhandel, Loverboys und die schlimmsten Arbeitsbedingungen in irgendwelchen Schmuddelpuffs damit in Verbindung bringen, sondern mit einer professionellen Dienstleistung.

Wie offen gehst Du in Deinem Leben mit Deinem Job um?

In meinem Freund*innen-Kreis bin ich weitgehend geoutet. Ich fühle mich da sicher und angenommen. In anderen Situationen oute ich mich nicht so schnell: Ich habe ja noch andere Jobs nebenbei und studiere. Das sind Situationen mit einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis, wo ich entweder bezahlt oder benotet werde. Dann möchte ich der Person einfach nicht dieses Wissen an die Hand geben und damit eventuell beeinflussen. Man weiß nie, was für eine Haltung der- oder diejenige zur Sexarbeit hat. Auch innerhalb meiner Familie bin ich nicht geoutet. Schließlich kann man sich Familie nicht aussuchen. Wenn mir in jemand in meinem Freundeskreis das Gefühl vermittelt, dass er oder sie mit meinem Job nicht klarkommt, fühle ich mich von dem Menschen abgelehnt. Dann muss ich die Freundschaft in Frage stellen. Bei Familie wird es da schon schwieriger.

Ich stehe hinter dem, was ich tue. Und ich bin stolz darauf. Zudem wehre ich mich dagegen, wenn ich das Gefühl habe, dass mir oder anderen Sexarbeiterinnen Unrecht widerfährt.

Bei öffentlichen Auftritten – im Rahmen meines Aktivismus für den BesD e.V. oder als Referentin für Sexarbeit – arbeite ich unter meinem Pseudonym als Sexarbeiterin Maia Ceres. Um meine Identität zu wahren, um mich zu schützen. Aber natürlich sitze ich da mit meinem Gesicht und es kann sein, dass mich jemand erkennt. Ich stehe jedoch hinter dem, was ich tue. Und ich bin stolz darauf. Zudem wehre ich mich dagegen, wenn ich das Gefühl habe, dass mir oder anderen Sexarbeiterinnen Unrecht widerfährt.

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Autor

Vor einigen Jahren zog Julia nach Berlin. Nicht der Liebe wegen. Aber um sich tagtäglich mit der Liebe zu beschäftigen. Sie leitete sieben Jahre das Erotik-Ressort bei BILD.de und weil das noch nicht genug an Liebe, Lust und Leidenschaft war, schrieb sie 2016 ein Buch über das Online-Dating. Heute hat sie dem Online-Dating zwar abgeschworen, schreibt aber für O*Diaries weiterhin über die schönste Nebensache der Welt. Zum Ausgleich beschäftigt sie sich in ihrer Freizeit mit unromantischen Dingen wie Bergsteigen, Lesen und dem Ghostwriting für verschiedene Buchprojekte.