Achtsamkeit kennt kein Gender

Achtsamkeit ist en vogue. In nahezu jedem Frauenmagazin wird sich auf das Thema geschmissen. Viele Männer können dagegen nur wenig mit dem Thema anfangen. Und das liegt daran, dass es in unserer Gesellschaft schlichtweg ein falsches Verständnis von dem Begriff “Achtsamkeit” gibt, findet unsere Autorin…

Tee trinken. Yoga machen. Atemübungen absolvieren. Eine Meditationssession einlegen. Ein Schaumbad nehmen. All solche Dinge werden meist assoziiert, wenn über das Thema Achtsamkeit gesprochen wird. Und das sind auch die Tipps, von denen man in einschlägigen Frauenmagazinen liest. Kaum verwunderlich, dass viele (vornehmlich heterosexuelle) Männer in meinem Bekanntenkreis bei dem Thema mit den Schultern zucken. Denn ein Schaumbad, das ist nun wirklich nichts für harte Jungs! Und Yoga sieht nur albern aus. Achtsamkeit? Brauche ich nicht!

“Gib auf Dich acht!”, schreibe ich einem lieben Kollegen. Er erzählte an diesem Morgen, dass eine Mandelentzündung im Anmarsch ist. “Ja, ja”, ist die lakonische Antwort. Und wenige Sekunden später: “Gehen wir morgen früh zusammen joggen?” Nahezu entrüstet schreibe ich zurück, was für eine hanebüchene Idee das denn wäre und man nicht mit einer drohenden Mandelentzündung Sport treiben solle. Ich rücke meinen Kollegen zurecht: Es hat nichts mit Stärke oder Männlichkeit zu tun, sich zu schinden.

Warum Männer nicht so sehr auf sich acht geben

Aber genau da liegt das Problem, wenn es darum geht, achtsam mit sich umzugehen. “Mindfulness”, wie der englische Begriff lautet, wird in unserer immer noch patriarchal geprägten Gesellschaft oftmals gleichgestellt mit Schwäche. Ganz im Sinne des völlig veralteten “Work hard, play hard”-Gedanken, arbeiten sich viele Männer in meinem Bekanntenkreis die Seele wund und brüsten sich auch noch damit, wie viele Überstunden sie machen, wie wenig Schlaf sie unter der Woche bekommen. Wow. Sehr beeindruckend.

Die wahre Bedeutung von Achtsamkeit

Wer hingegen achtsam im Alltag ist, der muss nicht ausschließlich in Yoga-Pants durch die Gegend laufen oder unablässig an Klangschalenmeditationssitzungen teilnehmen. Wer mag, kann das natürlich tun. Aber Achtsamkeit beginnt schon viel früher. Achtsamkeit bedeutet im Hier und Jetzt zu sein und zwar nicht nur körperlich, sondern auch mental. Das ist für die meisten Menschen kein Normalzustand. Ganz egal, ob Mann oder Frau: Viele hetzen im Alltag von einer Sache zur nächsten und verpassen dabei das Wichtigste: den eigentlichen Moment. Die Gedanken kreisen andauernd um den Ärger von gestern und die Dinge, die erledigt werden müssen. Dadurch entsteht rasch das Gefühl, dass immer irgendwas ist. Hinzu kommt der Leistungsdruck, der in unserer Gesellschaft immer weiter zunimmt. Die ständige Erreichbarkeit durch Smartphones und das Selbstbild, das man unbedingt erfüllen möchte: Ein leistungsfähiger Mensch zu sein, den nichts – keine Überstunden – und keine Mandelentzündung umwirft. All das nagt an einem. Langfristig macht es unzufrieden. Vielleicht sogar unglücklich?

Für Achtsamkeit braucht es keine teuren Kurse

Ich glaube: Achtsamkeit ist keine Frage des Geschlechts, sondern eine Frage des Stresspegels. Wer sich gestresst fühlt, sollte versuchen, mehr Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren. Dafür muss man nicht unbedingt Kurse besuchen, die viel kosten und den Terminkalender noch voller machen. Stattdessen lautet die erste Regel: Schluss mit Multitasking ! Gerade im Büro beobachte ich (auch an mir), dass viele vieles gleichzeitig machen: An einer Präsentation arbeiten, Mails beantworten, mit Kolleg*innen Dinge besprechen, ins nächste Meeting hetzen. Dabei betonen Expert*innen seit jeher, dass das Gehirn das nicht kann. Ganz egal, ob bei Mann oder Frau: Das Hin- und Herschalten ist extrem anstrengend – und sorgt für noch mehr Stress. Und Fehler unterlaufen einem ebenfalls schneller.

Schluss mit Multitasking !

Der zweite entscheidende Aspekt der Achtsamkeit ist: Den Moment zu achten, ohne ihn zu bewerten. Denn der Mensch neigt dazu, alles um sich herum zu bewerten. Wer sich hingegen auf das konzentriert, eben diese Bewertung außerhalb der Gedanken zu lassen – der praktiziert Achtsamkeit. Und hier kommt tatsächlich die Atmung ins Spiel. Wer merkt, dass das Gedankenkarussell wieder anspringt, der kann durch die Konzentration auf die eigene Atmung Distanz zu seinen Gedanken schaffen.

Was noch hilft?

  • Konzentriere Dich unter der Dusche nicht auf die To Do Liste des Tages, sondern auf das wärmende Wasser und das gute Gefühl, das dies bei Dir auslöst.
  • Fokussiere Dich beim Frühstück auf den Geschmack, nicht auf die Einkaufsliste.
  • Nimm beim Radfahren den Fahrtwind wahr – oder bei der Bahn bewusst die Umgebungsgeräusche.

Auch das bewusste Durchbrechen von Routinen, beispielsweise einen anderen Heimweg nehmen, oder mit der linken statt mit der rechten Hand zu essen, kann helfen. Wie auch immer man die Sache mit der Achtsamkeit angeht : Ziel ist immer, mehr Gelassenheit zu erreichen. Und Gelassenheit ist etwas, was Männern und Frauen gleichermaßen steht…oder ?

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Autor

Frieda arbeitete für mehr als 10 Jahre als Journalistin. Sie schrieb über Osterrezepte und Stilikonen, über den menschlichen Stoffwechsel und Michelin-besternte Restaurants. Kurzum: Sie schrieb über alles. Bis auf Sex. Und das aus gutem Grund. Lange hielt Frieda sich für durchschnittlich sexuell und überließ das Expert*innenwissen lieber anderen. Bis eine Trennung sie bewog, die Pille nach 14 Jahren abzusetzen. Da war Frieda 28. Und erst zu diesem Zeitpunkt entdeckte sie ihre wunderbare Sexualität neu. Und ihre wahre, echte, hungrige, einzigartige Libido. Seitdem praktiziert sie Sex nicht nur auf eine ganz neue Art und Weise. Sie schreibt und spricht auch darüber. Und war noch nie so erfüllt wie heute!