Das Problem mit der Kontrolle: Warum ich keine Jogginghose besitze

Jogginghose Kolumne

“Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren”, sagte einmal Karl Lagerfeld. Doch was, wenn man generell keine Kontrolle über sein Leben hat? Unsere Autorin erzählt, wie ihr Leben ohne Jogginghose sie vor Schlimmerem bewahrt hat.

In diesem Jahr ist Fashion-Ikone Karl Lagerfeld verstorben. Eines seiner bekanntesten Zitate kennt mittlerweile so ziemlich jeder: “Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.” In Zeiten von Self-Love und Self-Care wirken Lagerfelds Behauptung, das eigene Leben würde aus den Fugen laufen, weil man etwas bequemere Kleidung trägt, etwas bizarr. In der ze.tt schrieb eine Autorin, dass die Jogginghose der größtmögliche Ausdruck von Selbstliebe sei, im Stadtmagazin MitVergnügen war man der Meinung, wer keine Jogginghose besitzt, hat sein Leben an die Kontrolle verloren.

Für die meisten ist ein Jogginghose-freies Leben eins mit grünen Smoothies, perfekt geführtem Terminkalender und fettfreiem Joghurt.

Daher schockiert es meine Mitmenschen immer wieder, dass ich keine einzige Jogginghose besitze. Nicht nur das: auch keine Pyjamahose, Leggings oder andere comfy wear. Für die meisten ist ein Jogginghose-freies Leben eins mit grünen Smoothies, perfekt geführtem Terminkalender und fettfreiem Joghurt. Ein Leben für Perfektionisten, Spießer und Spaßverderber. Für die, die an einem Samstag um 21 Uhr bei den Nachbarn klingeln, weil die Musik zu laut ist. 

Wenn das Bett zum Magneten wird

Der größte Schock kommt wahrscheinlich daher, dass meine engsten Freunde und Familie mich eher als das absolute Gegenteil des oben beschriebenen Typus Mensch beschreiben würden. Ich esse zu viel, vergesse öfter mal Rechnung zu bezahlen und merke manchmal erst um 3 Uhr nachts, dass ich gerade zwei Staffeln einer Serie gebingewatcht habe. Impulskontrolle? Fehlanzeige. In meinen frühen 20ern hat mich mein Lotterleben daher immer wieder in verzwickte Situationen gebracht und zu mehreren depressiven Phasen geführt, nicht zuletzt weil ich depressiv veranlagt bin (an dieser Stelle vielen Dank an meine Eltern!). Aber auch weil mein Bett die Anziehungskraft eines Magneten auf mich hat: Wenn ich es nicht schaffe, mich aus dem näheren Umkreis heraus zu bewegen, zieht es mich immer wieder magisch runter in die Horizontale – und meine Stimmung gleich mit.

Irgendwann hat es mir dann gereicht. Ich wollte mein Leben umkrempeln und diese regelmäßigen Tiefphasen vermeiden. Dazu musste ich mir einige toxische Gewohnheiten abgewöhnen. Für Jahre war mein strikter 3-Punkte-Plan:

  • Innerhalb von 10 Minuten nach dem Aufwachen das Bett verlassen
  • Anziehen, als würdest Du zu einem wichtigen Termin gehen
  • Einmal am Tag das Haus verlassen und mit einem Menschen sprechen

Was erstmal extrem unflexibel klingt, hat mir geholfen, einem Teufelskreis zu entfliehen – und auf kontrollierte Weise Self-Care zu betreiben. Besonders der 2. Punkt spielte dabei eine sehr wichtige Rolle: Wo andere quasi ihren BH durch die Wohnung schmeißen, sobald die Tür ins Schloss fällt, ziehe ich morgens zum Frühstücken schon meine engste Jeans an, trage Make-up auf, wenn ich alleine zuhause bin und glätte mir die Haare. Warum? Weil jeder Schritt zurück zur Gemütlichkeit der erste Schritt in Richtung Bett war. Ich bin Gemütlichkeits-süchtig und brauchte dringend Gemütlichkeits-Entzug. Die Anschaffung von allen Klamotten, die das Herumgammeln vereinfachen, wurden damit aus meinem Kleiderschrank verbannt. Zu groß ist die Gefahr, irgendwann aufzuwachen und zu merken, dass man schon wieder seit 10 Tagen nicht mehr das Bett verlassen hat.

Die Polyester-Verlockung

Das alles klingt jetzt sehr rigoros und in den letzten paar Jahren habe ich gelernt, mehr Grauzonen zuzulassen. Ich kann mittlerweile am Wochenende auch mal wieder nach dem Aufstehen eine Folge Sopranos im Bett schauen oder mit struppigem Haar und ungeschminkt zur Arbeit gehen. Es gab ein paar Momente, wo ich das glänzende Polyester der Jogginghose meines Freundes in seinem Schrank aufblitzen sah, als würde es mir aus der Ecke zuflüstern: “Psst, hey du! Wie wäre es: Wir beide, eine Tüte Chips und 6 Folgen Family Guy?” Bis jetzt bin ich standhaft geblieben. Aber es wäre schön, wenn sich Gemütlichkeit und Struktur in der Zukunft vielleicht die Hand geben könnten. Vielleicht kann ich mich irgendwann im Lotterlook auf der Couch fläzen ohne eine Lebenskrise zu kriegen – und ohne dass sich Karl Lagerfeld im Grabe umdreht. 

 

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